AvM-Dual bereitet neu zugewanderte Jugendliche in Hamburg auf Ausbildung und Beruf vor. Sprachförderung, Unterricht und betriebliche Praxis werden dabei miteinander verbunden. Bislang können leistungsstarke Schülerinnen und Schüler dort auch den mittleren Schulabschluss (MSA) erwerben. Diese Möglichkeit streicht der Senat.
Dabei geht es keineswegs um eine Randerscheinung: Im Schuljahr 2024/25 erreichten 193 von 982 AvM-Abgängern den MSA – fast jeder Fünfte. Für viele eröffnet dieser Abschluss weitere Bildungswege und bessere berufliche Perspektiven. Von den 193 Jugendlichen mit MSA wechselten 86 anschließend in eine weiterführende schulische Bildung.
Gerade darin liegt für mich der Wert dieses Weges: Junge Menschen kommen neu nach Hamburg, lernen eine neue Sprache, finden sich in einem neuen Schulsystem zurecht und zeigen besondere Leistungsbereitschaft. Wer das schafft, sollte die Möglichkeit bekommen, weiter aufzusteigen.
Hamburg braucht leistungsstarke junge Menschen – gerade auch in einer Wirtschaft, die auf gut ausgebildete Fachkräfte und hochwertige Dienstleistungen angewiesen ist. Ausgerechnet denen, die sich nach ihrer Zuwanderung besonders erfolgreich entwickeln, eine Aufstiegschance zu nehmen, ist aus meiner Sicht ungerecht, unsozial und wirtschaftlicher Unfug.
Wer jungen Menschen vermittelt, dass besondere Leistung gerade nicht zu zusätzlichen Chancen führt, setzt auch integrationspolitisch das falsche Signal. Integration gelingt dort besonders gut, wo Menschen erleben: Anstrengung lohnt sich, Leistung wird anerkannt und Aufstieg ist möglich.
Fragwürdig ist auch die finanzielle Begründung. Der Senat erklärt, für den MSA werde „in der Regel“ ein zusätzliches drittes AvM-Jahr benötigt. Durch dessen Wegfall sollen perspektivisch rund 7,5 Stellen beziehungsweise fast 940.000 Euro pro Schuljahr eingespart werden.
Doch auf die entscheidende Frage kann der Senat keine Antwort geben: Wie viele Jugendliche erreichen den MSA tatsächlich erst im dritten Jahr – und wie viele schaffen ihn bereits innerhalb der regulären zwei Jahre? Genau diese Unterscheidung wird nicht ausgewertet. Damit ist eine zentrale Annahme der Einsparrechnung nicht belastbar belegt.
Hinzu kommt ein bemerkenswerter Widerspruch: Noch 2025 beschrieb der Senat das zusätzliche dritte AvM-Jahr ausdrücklich als Förderinstrument für Jugendliche, die mehr Zeit benötigen. Es wird im begründeten Einzelfall bewilligt, wenn die Lern- und Leistungsentwicklung eine erfolgreiche Mitarbeit erheblich beeinträchtigt und von einem weiteren Jahr eine bessere Förderung erwartet wird. 2024/25 wurden 164 solcher zusätzlichen Schuljahre beantragt und 146 bewilligt.
Das dritte Jahr wurde vom Senat selbst als individuelle Förderung für Jugendliche beschrieben, die mehr Zeit brauchen. Jetzt soll genau dieses dritte Jahr plötzlich der Beleg dafür sein, dass der MSA fast eine Million Euro im Jahr kostet – obwohl der Senat nicht einmal weiß, wie viele MSA-Absolventen es tatsächlich benötigen. Das passt nicht zusammen.
Und selbst wenn der Senat den Umfang eines dritten Schuljahres begrenzen will: Warum streicht er dann gleich die gesamte Möglichkeit, innerhalb von AvM-Dual den MSA zu erwerben?
Fast jeder fünfte AvM-Abgänger hat bislang diesen Abschluss erreicht. Das sind motivierte junge Menschen, die wir als angehende Fachkräfte dringend brauchen.
Diese Rolle rückwärts macht nicht nur bildungspolitisch keinen Sinn, sie ist auch sozialpolitisch unsinnig und gefährlich. Höhere schulische Qualifikationen öffnen den Weg in anspruchsvolle Berufe, wirtschaftliche Eigenständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Genau das ist der beste Weg, um langfristig Sozialtransfers zu vermeiden – gerade für einen Senat, der sich über steigende Sozialausgaben beklagt.